Architekturbüro Wolfgang Kergaßner - Stuttgart

Überdachung neuer ZOB Esslingen
Zitat aus der Auslobung
„Ein weiteres Spezifikum dieses Ortes ist seine Öffnung in den Landschaftsraum nach Süden auf das Panorama des Zollbergs. Die Entsprechung im Norden ist der perspektivische, zoomartige Blick auf den Weinberg der hier auslaufenden Neckarhalde. Beide Aspekte müssen auch künftig erlebbar (sichtbar) bleiben".
Adresse in der Stadt - Definition des Ortes
Die konsequente Umsetzung dieser Vorgabe definiert die Höhenlage des neuen Daches. Sie gibt den Blick auf die umgebende landschaftliche Silhouette frei und ermöglicht gleichzeitig die Realisierung einer prägnanten geometrischen Grundform für die Dachkonstruktion.
Die Verlängerung von Sicht- und Straßenachsen definieren die Konturen der Dachgeometrie und entsprechen so dem Wunsch nach intuitiver Wegeführung.
Das Konstruktionsprinzip des Neuen polarisiert im bewußten Widerspruch zum Vorhandenen den Dialog zwischen dem denkmalgeschützten Bahnhof, der Stadterweiterung Esslingens des 19. Jahrhunderts und das neu zu definierende Charakterprofil dieses öffentlichen Ortes.
Das Dach reagiert respektvoll auf das Bahnhofsgebäude, indem er in seiner Wirkung nicht bedrängt und beeinträchtigt wird. Alle Fassaden bleiben unverbaut. Der Bahnhof wird durch seine Freistellung im Stadtraum inszeniert und dadurch in seiner Wirkung verstärkt.
Der Abstand zu den flankierenden Gebäuden, die Höhenlage und der filigrane äußere Rand der Dachkonstruktion prägen die Identität der neu definierten Adresse in der Stadt.
Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Die Überdachung des ZOB übernimmt diese Aufgabe und fügt alle beteiligten Elemente subtil zu einem Ort mit sichtbarer, stadtbildprägender Ausstrahlung, der neuen „Visitenkarte" Esslingens.
Konstruktion / Materialität / Anmutung im städtischen Kontext
Klarheit, Präzision, Leichtigkeit und ein tiefes Verständnis für die verwendeten Materialien ermöglichen die Vision der entmaterialisierten Konstruktion. Es entsteht eine elegante Membrankonstruktion mit minimaler Tragkonstruktion bei maximaler Transparenz.
Im wirtschaftlichen Vergleich zu anderen Produkten kostet das Foliendach inkl. Tragwerk ca. bis zu 40 % weniger als ein vergleichbares Glasdach.
Super leichte, transparente ETFE- Folienkissen füllen die freien, regelmäßigen, polygonal ausgelegten Felder der Tragkonstruktion. Die konstruktive Logik führt zu bogenartig ausformulierten Nebenträgern. Durch die wechselnden Spannweiten wird die Überhöhung in den einzelnen Feldern moduliert und gleichzeitig die Entwässerung sichergestellt.
Die Aussteifung der Konstruktion erfolgt über eingespannte Stützen. Die Primärstruktur des Tragwerks ist als dreiecksförmiger Kastenträger ausgelegt. Der „Obergurt" ist im Gefälle liegend vertieft im Querschnitt eingearbeitet.
Im oben offenen Kastenträger wird das Niederschlagswasser gesammelt und an die Stützen mit integrierter Fallleitungsfunktion weitergeleitet.
Gleichzeitig sind in diesem Bereich die Haltekonstruktionen und die Luftversorgung der zweilagigen Folienkissen untergebracht. Die einzelnen Folienlagen eines Kissens sind am Rand miteinander verschweißt und über Randkeder mit einem Aluminiumklemmprofil auf der Tragkonstruktion befestigt. Die Kissen werden mit Luft gefüllt, um die zur Lastabtragung benötigte pneumatische Vorspannung zu erreichen und die einzelnen Folienlagen zu stabilisieren.
Die Abstände der Unterkonstruktion generieren wirtschaftliche Spannweiten der pneumatisch gestützten Konstruktion.
In die zweilagigen Kissen sind flexible PV-Module eingearbeitet, um eine solare Energieernte abzuschöpfen.
ETFE- Folien werden aus einem äußerst stabilen Fluorpolymerkunststoff hergestellt. Sie besitzen eine ausgesprochen gute antiadhäsive Oberfläche. Dadurch sind die Folien kaum schmutzanfällig und lassen sich sehr gut reinigen. Der größte Schmutzanteil wird bereits durch Regenwasser abgespült.
Die ETFE- Kissenstrukturen werden verlaufsartig durch farbwechselbare RGB- Leuchtenprofile mit Hochleistungs- LED hinterleuchtet. Diese Profile werden wartungsfreundlich entlang der integrierten Wartungsstege positioniert.
Die Oberflächenbedruckung der ETFE- Kissen reflektiert das seitlich eingekoppelte Licht.
Die filigrane Transparenz, die Wechselwirkungen zwischen Licht und Schatten, das leichte Zusammenspiel von Materialien, die scheinbar schweben, thematisieren die Wahrnehmung des eleganten Flächentragwerks.
Ein sich permanent veränderndes Lichtspiel in Abhängigkeit von der Tageszeit sorgt für ständig wechselnde visuelle Erlebnisse und prägt die Anmutung des neuen "poetischen Stadtraumes".
Stadtmobiliar - „halbarchitektonische Elemente"
Aufgereihte Stelen überziehen in linearer Anordnung das Wettbewerbsgebiet. Auf dem vorgelagerten Platz säumen sie passepartoutartig die Platzränder und filtern die Zonen des Übergangs.
Diese Stelen bilden als Grundmodul das Leitsystem zum schnellen Auffinden der Nutzungsangebote. Je nach Beanspruchung sind sie Informationsträger für das Fahrgastinformationssystem, Grundelement für die Sicherheits- und für die atmosphärische Beleuchtung der ZOB- Bahnsteige und des Platzes.
Im oberen Bereich der Stele sind an den schmalen Seiten Lichtköpfe mit asymmetrischer Lichtverteilung integriert. Die Lichtköpfe sind mit energieeffizienten Halogen-Metalldampflampen guter Farbwiedergabe ausgestattet.
Die Stelen dienen damit nicht nur als Werbe- und Informationsträger, sondern leuchten auch den Busbahnhofbereich sowie den Vorplatz aus.
Entlang der Fleischmannstraße bilden die Stelen das konstruktives Grundelement der Überdachung der Wartebereiche
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