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Neubau Kreisverwaltung Lahn-Dill-Kreis in Wetzlar

 

Adressatenbildung - Definition des Ortes

Das Grundstück liegt zwischen der Moritz-Hensoldt-Straße und dem Karl-Kellner-Ring. Die morphologischen Strukturen der umgebenden städtischen Quartiere sind sehr inhomogen.

Altbau und Neubau werden zu „einem Stück Haus" gefügt und definieren damit eindeutig und selbstbewußt die Lage des neuen Kreishauses des Lahn-Dill-Kreises in Wetzlar.

Der Neubau orientiert sich in seiner Höhen­ent­­wicklung exakt am vorhan­de­nen Verwaltungs­gebäude. Die beiden Häuser bilden ein kompaktes Ensemble mit sichtbarer, stadtbildprägender Ausstrahlung.

Eine verglaste Gebäudefuge schließt die Nahtstelle zwischen Alt und Neu, prägt so das Entree des Kreishauses und umschließt ein großzügiges Atrium als multifunktionale Fläche.

Diese angemessene einladen­de Geste definiert die Eindeutig­keit der Haupt­erschließung und unter­­stützt von Beginn an die Orientie­rung.

Die Architektur wird selbst primäres Orientierungsmittel.

 

Innen - Außen

Das Atrium ist das kommunikative Zentrum und versorgt die inneren Be­reiche mit Tageslicht. Eine sehr leichte ETFE Kissenstruktur mit in­te­grierten PV-An­lagen überdeckt diesen als „Pufferraum" kondi­tio­nierten Bereich, dadurch können die zum Atrium orientierten Fassa­den als preiswerte Holzkonstruktion ausgeführt werden.

Der Charme des Materials Holz begründet sich in seinen Schwächen, dadurch wird eine nahbare Eigen­stän­dig­keit erzeugt. Jedes Brett ist anders, ist ein­ma­lig und hat demnach sein eigenes Charakterprofil.

 

Das geschützte Atrium ermöglicht eine Innenraumbegrünung durch eine Gummibaumreihe (Ficus longifolia "Allii") mit Unterpflanzung.

Die Baumreihe ist eine lineare Geste und Verlängerung der Wegachse zur Lahn. Unter den Bäumen laden Sitzmöbel aus Holz zum Verweilen ein. Das innere, „hölzerne Kleid" zusammen mit der Holzfassade des Mehr­­zwecksaales erzeugen eine angenehme und warme Atmosphäre.

 

Im konstruktiven Kontext zur inneren Hülle ist die Außenfassade als prä­zise Leicht­metall­­fas­sa­de entwickelt. Kastenfenster schützen vor Lärm und sichern die Funktionalität des „außenliegenden" Sonnen­schut­zes. Die technisch optimierte Hülle um­spannt das Neubau­vo­lu­men und akzentuiert den körper­haften, skulpturalen Anspruch des Gesamtensembles.

 

Erschließung

Die erdgeschossige Atriumfläche dient als großzügiges Foyer. Die zentrale Information, die vertikalen Erschließungselemente und der große Saal sind direkt erreichbar.

Wechselnde Nut­zungen wie Aus­stellungen, Vernis­sa­­gen, Vorträge, Po­diums­­dis­kus­sionen etc. wer­­den im Hause er­möglicht.

Das Kreishaus wird über drei Zugänge erschlossen. Altbau und Neu­bau verfügen insgesamt über vier direkt ins Freie führende Flucht­trep­­pen­häuser. Alle Treppenhäu­ser sind barrierefrei vom In­nen­hof aus zu erreichen. Die Lage der Treppen­häuser gewährleisten eine sinn­volle Teilung der Geschoß­flä­chen in variabel teil­bare Nutzeinheiten. Die er­for­­der­lichen Fluchtweglängen werden ein­ge­halten.

 

Bürolayout / Variabilität und Flexibilität

Das Gebäudekonzept ermöglicht eine maxi­male Varia­bi­li­tät in der An­ordnung, Größe und Ge­­stalt der einzelnen Nutzungs­einheiten. Aus der Regelmäßigkeit der Fassaden­tei­lung leiten sich die mög­­lichen Büro­raum­teilungen ab.

Die Büroflächen können als Einzel-, Gruppen- oder Kombi­büros orga­ni­siert werden. Die flexible Aufteilung der Einzelflächen erfolgt durch leich­­te Trennwandkonstruktionen in Abhängigkeit der Nutzeran­for­de­rung. Das „maßgeschneider­te" Büro entspricht damit dem Anspruch nach individuellem Layout.

Die Büronutzflächen werden mit einem Hohlraum­boden­system ausge­stattet und sichern die variable, nachrüstbare elektro­techn­ische Ver­sorgung.

 

Raumakustik Saal

Mehrzwecksäle müssen eine raumakustische Umgebung auf­­­wei­sen, die sehr unterschiedlichen Anforderungen ge­recht wird:

Tagungen erfor­dern hohe Sprach­ver­ständlichkeit, Musik-Darbietungen dagegen Klarheit und Raumwirkung und bei Feiern soll der Lärm­pe­gel nicht un­er­träg­lich ansteigen.

Während für die Sprach­nutzung ver­gleichs­­­­­­­wei­se kleine Raumvolumina mit hoher Raumbe­dämp­­fung ideal sind, erfordert eine Musik­nutzung größere, halligere Räume.

Zur Einstellung einer geeig­ne­ten Nachhallzeit sind Schall absor­bie­ren­de Bauteile erfor­der­­lich, die hierzu entsprechend positioniert werden müssen. Die Gliederung der Seitenwände bietet dabei gute Möglich­keiten zur gestalterischen Integration.

Die raum­akustischen Maßnahmen lassen sich so abstimmen, daß bei der Unterteilung auch für die Teilräume eine gute und gleich­wertige akustische Qualität entsteht.

Die mobilen Trennwände lassen sich so aus­­stat­ten, daß sie sowohl die erforderlichen Schall absor­bie­ren­den Eigen­schafen als auch eine ausreichende Schall­däm­mung aufwei­sen. Damit ist auch eine hoch­wer­­tige Paral­lelnutzung für Kon­ferenzen sichergestellt.

 

Energie- und Klimakonzept

Für den Neubau des Kreishauses in Wetzlar wird ein effizienter, öko­lo­gischer und flexibler Gebäudebetrieb angestrebt, der sich den konti­nu­ier­lich ändernden Anforderungen anpasst. Um diese Ziele zu erreichen wurde eine mehrstufige Strategie entwickelt:

 

Energetische Ziele

- Optimierung des thermischen und visuellen Komforts

- Minimierung des Energiebedarfs in Form von Wärme,

  Strom und Kälte und damit der Betriebskosten

- Nutzung natürlicher Ressourcen

- Minimierung der erforderlichen Anlagen

- Substitution fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energien (Geothermie, PV)

 

Maßnahmen

- Schaffung von Pufferzonen

- natürliche Belichtung

- natürliche Lüftung, hocheffiziente mechanische Lüftung mit WRG dort, wo notwendig

- Nutzung der natürlichen Wärmequellen Sonne und Erdreich im Winter

- Nutzung der natürlichen Wärmesenken Nachtluft und Erdreich im Sommer

 

Konzeptcharakteristika

- Grundlüftung über Fensterlüftung, Abluft unterstützt über Solarkamine

- mechanische Lüftung konditioniert über Geothermie

  Vorteil:  regenerativ vorgekühlte/vorgewärmte Luft

- Lufteinbringung über Quelllüftung

- freie Speichermassen, wo möglich, keine abgehängten Decken

- thermische Bauteilaktivierung über Geothermie (Brunnen, Bohrpfähle) im Erdreich und Wärmepumpe betrieben

- PV für regenerative Stromerzeugung

 

Umsetzung

Lüftungskonzept

Das Gebäude wird über eine natürliche Fensterlüftung grundgelüftet. Dort, wo notwendig, wird eine mechanische Lüftung vorgesehen. Diese Lüftung ist nur auf den hygienisch notwendigen Luftwechsel ausgelegt. Die Zuluft wird über eine Quelllüftung eingebracht. Dadurch reduzieren sich zusätzlich die Luftmengen. Ein Solarkamin unterstützt die Abluft und reduziert damit erheblich den Strombedarf für die Lüftung.

 

Kühlung

Das Gebäude wird über die Decken gekühlt. Dadurch ergibt sich eine spürbare Komfortverbesserung im Hochsommer. Die Decken aus Stahlbeton sind in den Büros nicht abgehängt. Über einen Solarkamin kann eine manuelle effiziente Sommernachtauskühlung erfolgen. Sonderbereiche erhalten eine mechanische Zuluft.

 

Heizung

Aufgrund der kompakten Bauweise ist in Kombination mit dem hohen Wärmedämmstandard und den zu erwartenden internen Wärmegewinnen (Personen, Beleuchtung, Geräte) nur eine Niedertemperatur-Flächenheizung in Form einer thermischen Bauteilaktivierung erforderlich.

 

Sonnenschutz

Die Fassaden erhalten einen effizienten, außenliegenden Sonnen­schutz.

 

Haustechnik

Wichtiger Baustein des Versorgungskonzeptes ist die Ausnutzung na­tür­licher Ressourcen wie z.B. die Sonne und das Erdreich. Das Erd­reich wird über Geothermie zur Kälte und Wärmeversorgung direkt oder mit Hilfe einer Wärmepumpe genutzt. Der erforderliche Strom­be­darf wird über PV auf dem Dach erzeugt. Ein Solarkamin reduziert zu­sätz­lich den Strombedarf für die Lüftung.

 

Sanitär

Gewerk Sanitär mit hochwertiger Ausstattung, Brauchwarm­wasser­be­rei­tung, abhängig vom tatsächlichen Bedarf, eventuell über Solar­kol­lek­toren.

 

Fazit

Durch die Umsetzung eines ganzheitlichen Konzepts erzielt man mit einem Minimum an technischer Gebäudeausrüstung ein Maximum an thermischem und visuellem Komfort. Gleichzeitig werden Investitions- und Betriebskosten reduziert. Es gelingt in einem hohen Maße, ein Gebäude mit einem minimalen Energie- und Ressourcen­ver­brauch zu planen.

 

Parkgarage

Der ruhende Verkehr ist übersichtlich in einer natürlich belüfteten Ga­rage organisiert. Die Zufahrt erfolgt an der vom Auslober vor­gese­he­nen Stelle.

Die räum­liche Groß­zügigkeit der Garage unterstützt die Akzep­tanz durch die Nutzer.

Brandschutztechnisch wird eine Einordnung als „offene Garage" er­reicht. Durch geschickte Stapelung wird nur eine Parkie­rungs­fläche in der „Tiefebene" erforderlich. Sämtliche Stell­plätze sind na­türlich be­lüf­­­tet und ermöglichen einen Blick ins Freie.

Die Außenfassade wird teilweise durch eine "living wall" begrünt. Die Bepflanzung besteht aus unterschiedlichen Pflanzgemeinschaften mit verschiedenen Grüntönen. Dabei könnten sich heimische Stauden in li­­nearen Bändern mit verschiedenen Stauden aus aller Welt abwech­seln, um Biodiversität zu zeigen und eine besondere "weltoffene Wand" zu schaffen. Für die schattigen Bereiche der Fassade werden Heuchera, Ophiopogon, Arachnoides und Ajuga Arten und für die son­nigen Bereiche Epimedium, Ophiorrhiza und Mitchella Arten verwen­det.

 

Freianlagen

Durch die Neuordnung des Kreishauses werden ein neuer städtischer Vorplatz vor der Parkgarage, ein geschütztes Atrium und ein Baum­hain zwischen dem Neubau und der Sparkasse geschaffen. Der Vor­platz lässt sich als Treffpunkt und zur Mittagspause nutzen. Unter dem schattigen Baumdach der Bestandsbäume laden Sitzbänke zum Verweilen ein.

Die Baumreihe im Westen bildet mit dem Bestandsgebäude im Süden und der Garage im Norden einen klaren Raum, der als neues urbanes Grün das Gebiet aufwertet. Die Flächenwirtschaftlichkeit des Neu­baus ermöglicht eine weitere Grünfläche im Osten, welche durch schlanke Säulenpappeln (Populus nigra ‚Italica') die städtebauliche Lücke schließt, einen Aufenthalt unter Bäumen und eine Aussicht auf Grün auch aus den obersten Stockwerken ermöglicht.


WBW Neubau Kreisverwaltung Lahn-Dill-Kreis in Wetzlar

Auslober


Kreisausschuss des
Lahn-Dill-Kreises
Karl-Kellner-Ring 51
35576 Wetzlar

Vertreten durch

BAUWERT Projekt Consul GmbH
Büro Siegen
Am Bahnhof 23
57072 Siegen

Adresse

Wetzlar
Deutschland

Beginn

Februar 2010