Architekturbüro Wolfgang Kergaßner - Stuttgart

Neubau Kreisverwaltung Lahn-Dill-Kreis in Wetzlar
Adressatenbildung - Definition des Ortes
Das Grundstück liegt zwischen der Moritz-Hensoldt-Straße und dem Karl-Kellner-Ring. Die morphologischen Strukturen der umgebenden städtischen Quartiere sind sehr inhomogen.
Altbau und Neubau werden zu „einem Stück Haus" gefügt und definieren damit eindeutig und selbstbewußt die Lage des neuen Kreishauses des Lahn-Dill-Kreises in Wetzlar.
Der Neubau orientiert sich in seiner Höhenentwicklung exakt am vorhandenen Verwaltungsgebäude. Die beiden Häuser bilden ein kompaktes Ensemble mit sichtbarer, stadtbildprägender Ausstrahlung.
Eine verglaste Gebäudefuge schließt die Nahtstelle zwischen Alt und Neu, prägt so das Entree des Kreishauses und umschließt ein großzügiges Atrium als multifunktionale Fläche.
Diese angemessene einladende Geste definiert die Eindeutigkeit der Haupterschließung und unterstützt von Beginn an die Orientierung.
Die Architektur wird selbst primäres Orientierungsmittel.
Innen - Außen
Das Atrium ist das kommunikative Zentrum und versorgt die inneren Bereiche mit Tageslicht. Eine sehr leichte ETFE Kissenstruktur mit integrierten PV-Anlagen überdeckt diesen als „Pufferraum" konditionierten Bereich, dadurch können die zum Atrium orientierten Fassaden als preiswerte Holzkonstruktion ausgeführt werden.
Der Charme des Materials Holz begründet sich in seinen Schwächen, dadurch wird eine nahbare Eigenständigkeit erzeugt. Jedes Brett ist anders, ist einmalig und hat demnach sein eigenes Charakterprofil.
Das geschützte Atrium ermöglicht eine Innenraumbegrünung durch eine Gummibaumreihe (Ficus longifolia "Allii") mit Unterpflanzung.
Die Baumreihe ist eine lineare Geste und Verlängerung der Wegachse zur Lahn. Unter den Bäumen laden Sitzmöbel aus Holz zum Verweilen ein. Das innere, „hölzerne Kleid" zusammen mit der Holzfassade des Mehrzwecksaales erzeugen eine angenehme und warme Atmosphäre.
Im konstruktiven Kontext zur inneren Hülle ist die Außenfassade als präzise Leichtmetallfassade entwickelt. Kastenfenster schützen vor Lärm und sichern die Funktionalität des „außenliegenden" Sonnenschutzes. Die technisch optimierte Hülle umspannt das Neubauvolumen und akzentuiert den körperhaften, skulpturalen Anspruch des Gesamtensembles.
Erschließung
Die erdgeschossige Atriumfläche dient als großzügiges Foyer. Die zentrale Information, die vertikalen Erschließungselemente und der große Saal sind direkt erreichbar.
Wechselnde Nutzungen wie Ausstellungen, Vernissagen, Vorträge, Podiumsdiskussionen etc. werden im Hause ermöglicht.
Das Kreishaus wird über drei Zugänge erschlossen. Altbau und Neubau verfügen insgesamt über vier direkt ins Freie führende Fluchttreppenhäuser. Alle Treppenhäuser sind barrierefrei vom Innenhof aus zu erreichen. Die Lage der Treppenhäuser gewährleisten eine sinnvolle Teilung der Geschoßflächen in variabel teilbare Nutzeinheiten. Die erforderlichen Fluchtweglängen werden eingehalten.
Bürolayout / Variabilität und Flexibilität
Das Gebäudekonzept ermöglicht eine maximale Variabilität in der Anordnung, Größe und Gestalt der einzelnen Nutzungseinheiten. Aus der Regelmäßigkeit der Fassadenteilung leiten sich die möglichen Büroraumteilungen ab.
Die Büroflächen können als Einzel-, Gruppen- oder Kombibüros organisiert werden. Die flexible Aufteilung der Einzelflächen erfolgt durch leichte Trennwandkonstruktionen in Abhängigkeit der Nutzeranforderung. Das „maßgeschneiderte" Büro entspricht damit dem Anspruch nach individuellem Layout.
Die Büronutzflächen werden mit einem Hohlraumbodensystem ausgestattet und sichern die variable, nachrüstbare elektrotechnische Versorgung.
Raumakustik Saal
Mehrzwecksäle müssen eine raumakustische Umgebung aufweisen, die sehr unterschiedlichen Anforderungen gerecht wird:
Tagungen erfordern hohe Sprachverständlichkeit, Musik-Darbietungen dagegen Klarheit und Raumwirkung und bei Feiern soll der Lärmpegel nicht unerträglich ansteigen.
Während für die Sprachnutzung vergleichsweise kleine Raumvolumina mit hoher Raumbedämpfung ideal sind, erfordert eine Musiknutzung größere, halligere Räume.
Zur Einstellung einer geeigneten Nachhallzeit sind Schall absorbierende Bauteile erforderlich, die hierzu entsprechend positioniert werden müssen. Die Gliederung der Seitenwände bietet dabei gute Möglichkeiten zur gestalterischen Integration.
Die raumakustischen Maßnahmen lassen sich so abstimmen, daß bei der Unterteilung auch für die Teilräume eine gute und gleichwertige akustische Qualität entsteht.
Die mobilen Trennwände lassen sich so ausstatten, daß sie sowohl die erforderlichen Schall absorbierenden Eigenschafen als auch eine ausreichende Schalldämmung aufweisen. Damit ist auch eine hochwertige Parallelnutzung für Konferenzen sichergestellt.
Energie- und Klimakonzept
Für den Neubau des Kreishauses in Wetzlar wird ein effizienter, ökologischer und flexibler Gebäudebetrieb angestrebt, der sich den kontinuierlich ändernden Anforderungen anpasst. Um diese Ziele zu erreichen wurde eine mehrstufige Strategie entwickelt:
Energetische Ziele
- Optimierung des thermischen und visuellen Komforts
- Minimierung des Energiebedarfs in Form von Wärme,
Strom und Kälte und damit der Betriebskosten
- Nutzung natürlicher Ressourcen
- Minimierung der erforderlichen Anlagen
- Substitution fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energien (Geothermie, PV)
Maßnahmen
- Schaffung von Pufferzonen
- natürliche Belichtung
- natürliche Lüftung, hocheffiziente mechanische Lüftung mit WRG dort, wo notwendig
- Nutzung der natürlichen Wärmequellen Sonne und Erdreich im Winter
- Nutzung der natürlichen Wärmesenken Nachtluft und Erdreich im Sommer
Konzeptcharakteristika
- Grundlüftung über Fensterlüftung, Abluft unterstützt über Solarkamine
- mechanische Lüftung konditioniert über Geothermie
Vorteil: regenerativ vorgekühlte/vorgewärmte Luft
- Lufteinbringung über Quelllüftung
- freie Speichermassen, wo möglich, keine abgehängten Decken
- thermische Bauteilaktivierung über Geothermie (Brunnen, Bohrpfähle) im Erdreich und Wärmepumpe betrieben
- PV für regenerative Stromerzeugung
Umsetzung
Lüftungskonzept
Das Gebäude wird über eine natürliche Fensterlüftung grundgelüftet. Dort, wo notwendig, wird eine mechanische Lüftung vorgesehen. Diese Lüftung ist nur auf den hygienisch notwendigen Luftwechsel ausgelegt. Die Zuluft wird über eine Quelllüftung eingebracht. Dadurch reduzieren sich zusätzlich die Luftmengen. Ein Solarkamin unterstützt die Abluft und reduziert damit erheblich den Strombedarf für die Lüftung.
Kühlung
Das Gebäude wird über die Decken gekühlt. Dadurch ergibt sich eine spürbare Komfortverbesserung im Hochsommer. Die Decken aus Stahlbeton sind in den Büros nicht abgehängt. Über einen Solarkamin kann eine manuelle effiziente Sommernachtauskühlung erfolgen. Sonderbereiche erhalten eine mechanische Zuluft.
Heizung
Aufgrund der kompakten Bauweise ist in Kombination mit dem hohen Wärmedämmstandard und den zu erwartenden internen Wärmegewinnen (Personen, Beleuchtung, Geräte) nur eine Niedertemperatur-Flächenheizung in Form einer thermischen Bauteilaktivierung erforderlich.
Sonnenschutz
Die Fassaden erhalten einen effizienten, außenliegenden Sonnenschutz.
Haustechnik
Wichtiger Baustein des Versorgungskonzeptes ist die Ausnutzung natürlicher Ressourcen wie z.B. die Sonne und das Erdreich. Das Erdreich wird über Geothermie zur Kälte und Wärmeversorgung direkt oder mit Hilfe einer Wärmepumpe genutzt. Der erforderliche Strombedarf wird über PV auf dem Dach erzeugt. Ein Solarkamin reduziert zusätzlich den Strombedarf für die Lüftung.
Sanitär
Gewerk Sanitär mit hochwertiger Ausstattung, Brauchwarmwasserbereitung, abhängig vom tatsächlichen Bedarf, eventuell über Solarkollektoren.
Fazit
Durch die Umsetzung eines ganzheitlichen Konzepts erzielt man mit einem Minimum an technischer Gebäudeausrüstung ein Maximum an thermischem und visuellem Komfort. Gleichzeitig werden Investitions- und Betriebskosten reduziert. Es gelingt in einem hohen Maße, ein Gebäude mit einem minimalen Energie- und Ressourcenverbrauch zu planen.
Parkgarage
Der ruhende Verkehr ist übersichtlich in einer natürlich belüfteten Garage organisiert. Die Zufahrt erfolgt an der vom Auslober vorgesehenen Stelle.
Die räumliche Großzügigkeit der Garage unterstützt die Akzeptanz durch die Nutzer.
Brandschutztechnisch wird eine Einordnung als „offene Garage" erreicht. Durch geschickte Stapelung wird nur eine Parkierungsfläche in der „Tiefebene" erforderlich. Sämtliche Stellplätze sind natürlich belüftet und ermöglichen einen Blick ins Freie.
Die Außenfassade wird teilweise durch eine "living wall" begrünt. Die Bepflanzung besteht aus unterschiedlichen Pflanzgemeinschaften mit verschiedenen Grüntönen. Dabei könnten sich heimische Stauden in linearen Bändern mit verschiedenen Stauden aus aller Welt abwechseln, um Biodiversität zu zeigen und eine besondere "weltoffene Wand" zu schaffen. Für die schattigen Bereiche der Fassade werden Heuchera, Ophiopogon, Arachnoides und Ajuga Arten und für die sonnigen Bereiche Epimedium, Ophiorrhiza und Mitchella Arten verwendet.
Freianlagen
Durch die Neuordnung des Kreishauses werden ein neuer städtischer Vorplatz vor der Parkgarage, ein geschütztes Atrium und ein Baumhain zwischen dem Neubau und der Sparkasse geschaffen. Der Vorplatz lässt sich als Treffpunkt und zur Mittagspause nutzen. Unter dem schattigen Baumdach der Bestandsbäume laden Sitzbänke zum Verweilen ein.
Die Baumreihe im Westen bildet mit dem Bestandsgebäude im Süden und der Garage im Norden einen klaren Raum, der als neues urbanes Grün das Gebiet aufwertet. Die Flächenwirtschaftlichkeit des Neubaus ermöglicht eine weitere Grünfläche im Osten, welche durch schlanke Säulenpappeln (Populus nigra ‚Italica') die städtebauliche Lücke schließt, einen Aufenthalt unter Bäumen und eine Aussicht auf Grün auch aus den obersten Stockwerken ermöglicht.
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